Cristina Vezzaros Blog für Autoren und Übersetzer

Wie viele LiteraturübersetzerInnen hatte auch die Italienerin Cristina Vezzaro genug davon, in Rezensionen der von ihr übersetzten Bücher kaum erwähnt zu werden. Also beschloss sie, auf eigene Faust etwas gegen die traditionelle Unsichtbarkeit ihres Berufsstandes zu unternehmen. Zuerst konzipierte sie einen Fragebogen für AutorInnen, um herauszufinden, welche Bedeutung die Übertragung ihrer Werke in andere Sprachen für sie hat und welchen Wert sie der Arbeit ihrer ÜbersetzerInnen beimessen. Im März 2013 startete sie schließlich ihr Blog for Authors & Translators. Seither hat sich dieses beispielhafte Projekt zu einem lebendigen Forum des gegenseitigen Austausches entwickelt, das bereits von namhaften AutorInnen unterstützt wird.

Unsichtbare sichtbar machen

Siri Hustvedt zum Beispiel beantwortet die Frage „Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an den Beruf des Literaturübersetzers denken?“ so: „Da ich selbst übersetzt habe, bin ich mir der Tatsache vollauf bewusst, dass der Übersetzer das Werk in seiner Sprache neu erfinden muss. (…) Ich hege große Bewunderung für diesen Beruf. Viele Bücher, die ich gelesen habe, wären mir ohne ihre Übersetzung ins Englische gar nicht zugänglich gewesen. Ohne Übersetzungen wäre meine literarische Existenz um vieles ärmer. Ich hätte ein ganz anderes Bewusstsein entwickelt. (…)“ Davide Longo sinniert: „Literarisches Übersetzen impliziert Neugier auf verschiedene Welten und Länder, die Bereitschaft, Nachforschungen anzustellen, geistige Flexibilität und die Fähigkeit, mit dem Stil und so auch mit der Sprache und der Person des Autors in Kontakt zu treten.“ Robert Menasse meint: „Ich habe aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt – und ich habe dabei gelernt, wie unglaublich schwierig und anspruchsvoll diese Arbeit ist. Man kommt in Tiefenstrukturen eines Texts, in die man als ’normaler Leser‘ nie eindringt. Und man kommt immer wieder in die Situation, Entscheidungen treffen zu müssen, die oftmals – glaube ich – schwieriger sind als die Entscheidungen, die der Autor selbst treffen musste. Ich habe größte Hochachtung vor der Arbeit seriöser Übersetzer, und meiner Erfahrung nach und meines Wissens ist diese Arbeit viel zu schlecht bezahlt und anerkannt. Ich schlage daher immer vor, dass der Übersetzer nicht nur sein meist geringes Pauschalhonorar bekommt, sondern auch die Hälfte meiner Tantiemen pro verkauftem Buch.“ Catherine Dunne weiß zu berichten: „In Dublin gibt es den ‚Impac Award‘, einen Literaturpreis, der AutorInnen und ÜbersetzerInnen gleichermaßen würdigt. Das Prinzip besteht darin, das Preisgeld auf AutorIn UND ÜbersetzerIn aufzuteilen – beide sind also Preisträger. Eine beispielhafte Auszeichnung, die hoffentlich Nachahmung findet.“

Zur Frage „Fällt es Ihnen schwer, Ihre literarischen Geschöpfe einem Übersetzer anzuvertrauen oder haben Sie blindes Vertrauen in ihn?“ offenbart Fouad Laroui: „Beides. Einerseits vertraue ich ihm voll und ganz, andererseits frage ich mich, ob ihm alle sprachlichen und kulturellen Konnotationen bewusst sind. Als Schriftsteller bewege ich mich zwischen mehreren Sprachen und zwischen mindestens zwei Kulturen. Es ist nicht einfach, dies hinter Worten oder Ausdrücken zu sehen, die auf den ersten Blick der französischen Sprache angehören.“ Altaf Tyrewala erklärt: „Natürlich vertraue ich ihm. Oft ist es der Verleger, der den Übersetzer aussucht.“ Sibylle Lewitscharoff bekennt: „Ich empfinde es als eine Ehre, wenn ein Buch von mir in eine fremde Sprache übersetzt wird. Die meisten Sprachen kann ich ohnehin nicht kontrollieren. Da nützt Misstrauen oder gar Dreinreden überhaupt nichts. Außerdem hänge ich dem Prinzip an, dass sich ein Übersetzer große Freiheiten nehmen darf und soll. Der Text soll ja in seiner Sprache gut funktionieren und vor allem: gut klingen.“

Vezzaros Blog for Authors & Translators liefert beeindruckende Zeugnisse für den großen Respekt, den international veröffentlichte AutorInnen für ihre ÜbersetzerInnen und deren Arbeit haben. Viele freuen sich, wenn sie von ihren ÜbersetzerInnen kontaktiert werden; sie sind gern bereit, ihre Fragen zu beantworten und nicht selten erwachsen aus dieser Zusammenarbeit sogar freundschaftliche Beziehungen. Benjamin Stein begründet dies so: „Übersetzungen sind mir sehr wichtig. Als Autor ist man gewissermaßen eingesperrt in die eigene Sprache. Nur durch Übersetzungen kommt man nach draußen, zu Lesern in anderen Ländern, mit anderer Geschichte, anderen Prioritäten im Leben und Lesen. Daher versuche ich, meine Übersetzer kennenzulernen und mit ihnen über mein Verständnis von Literatur, meine Art der Gestaltung von Geschichten und von Sprache zu sprechen, bevor sie mit dem Übersetzen beginnen. Spätestens jedoch, wenn die Bücher da sind, möchte ich auch die Übersetzer persönlich kennenlernen. Ohne sie würde es das Buch in der anderen Sprache nicht geben. Sie sind auf eine etwas andere Art, doch nicht weniger Künstler als der Autor selbst. Bisher waren diese Begegnungen auch immer persönlich sehr bereichernd. Wirklich überraschend ist das für mich nicht. Wenn jemand so viel Empathie und Kunstverstand mitbringt, hat man, denke ich, automatisch eine gemeinsame Ebene – künstlerisch und menschlich.“

Ein Blog zum Mitmachen

Vezzaros Blog for Authors & Translators ist bewusst mehrsprachig angelegt. Der Erfolg des Projekts basiert auf aktiver Teilhabe: Schreibende aller Länder, Sprachen und Genres sind eingeladen, mitzumachen und so dazu beizutragen, Wahrnehmung und Wertschätzung der Arbeit von ÜbersetzerInnen und generell von all jenen, die sich dem literarischen Schreiben widmen, in der Öffentlichkeit zu steigern. Dazu stellt Vezarro im Blog-Bereich Interview zwei Fragebögen – einen für Autoren und einen für Übersetzer – in verschiedenen Sprachen bereit und natürlich auch eine E-Mail-Adresse, an die ausgefüllte Fragebögen zwecks Veröffentlichung geschickt werden können.

Eine Sprache, viele Kulturen

Was ist Ihre Muttersprache? Meine ist Deutsch. Aus welchem Land kommen Sie? Ich wurde in Deutschland geboren, wo ich auch aufwuchs und kulturell geprägt wurde. Wenn ich in anderen Ländern unterwegs bin, sieht man mir meine Herkunft oft schon an der Nasenspitze an, noch bevor ich überhaupt ein Wort sage. Ist Ihnen das eventuell auch schon passiert?

Meet the Germans heißt eine Webseite des Goethe-Instituts. Sie widmet sich der Frage, was eigentlich typisch für Deutschland ist und erwähnt in diesem Zusammenhang auch Fußball, Currywürste, Hirschgeweihe, Sauerkraut und Strandkörbe. Wenn ich von all diesen schönen Dingen nur ein einziges auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, würde ich den Strandkorb wählen. Der erste wurde übrigens 1882 vom Rostocker Korbmachermeister Wilhelm Bartelmann gebaut. Vielen Dank für diese wunderbare Erfindung!

Deutsch hat weltweit rund 100 Millionen Muttersprachler und wird den zehn wichtigsten Sprachen der Welt zugerechnet. Hauptsächlich gesprochen wird es in Deutschland, Österreich und der Schweiz, mit entsprechenden Sprachvarietäten. Andere Länder, andere Kulturen, andere Gewohnheiten.

Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an Österreich denken? Nicht nur die Deutschen schätzen die Heimat von Mozart, Sissi, Arnie und dem zweifachen Oscar-Preisträger Christoph Waltz als Reiseziel. Eine Bloggerin hat darüber sinniert, was den typischen Österreicher auszeichnet. Die Hauptstadt hat sogar ihren eigenen Dialekt. Zum Glück gibt es einen Onlineübersetzer Deutsch – Weanarisch, und Viennese for Americans hilft Amis und anderen Anglophonen mit lebenswichtigen Sätzen plus Aussprachehilfe. Hier ein Beispiel:

Englisch: Hi.   Wienerisch: Griass God!   Aussprachhilfe: Grease Scott!

Die Schweizer TV-Sendung „Kulturplatz“ lud Zuschauer dazu ein, Fotos von landestypischen Gegenständen zu schicken. Heraus kam die eindrucksvolle Sammlung Die Schweiz in 100 Dingen. Ein Engländer, der das Alpenparadies zu seiner Wahlheimat erkor, verrät in seinem Buch Der Schweizversteher alles, was man schon immer über Heidis Heimat wissen wollte.

Zu den Staaten, in denen Deutsch Amtssprache ist, gehören übrigens auch Belgien, Dänemark, Italien (Südtirol), Liechtenstein und Luxemburg. Zudem zählt Deutsch zu den Nationalsprachen Namibias, neben Herero, Kwanyama, Khoekhoegowab, Lozi, Ndonga, Oshivambo, RuKwangali und Afrikaans. Haben Sie sich je gefragt, wie oft die Verbreitung von Sprachen mit Kolonialismus zusammenhängt?

Etwa 375 Millionen Menschen haben Englisch als Muttersprache. Die Liste aller Länder mit Englisch als Amtssprache umfasst mehr als 80. Doch auch das gigantische Reich der Anglophonie ist multikulturell: Es wird von zahlreichen Sprachvarietäten und markanten Unterschieden bei Lebensstilen, Mentalitäten und Gewohnheiten beherrscht.

Was, glauben Sie, zählt zu den 10 Dingen aus ihrer Heimat, die im Ausland lebende Briten am meisten vermissen? Lauwarmes Bier und das staatliche Gesundheitssystem werden ebenso genannt wie eine ausgewogene Berichterstattung, kurvige Straßen und Leute, die sich entschuldigen, auch wenn es keinen Grund dafür gibt. Schätzungen zufolge sagt ein Brite im Laufe seines Lebens 1,9 Millionen Mal „Sorry“.

Jede Geschichte hat mindestens zwei Seiten. Eine in den USA lebende englische Journalistin präsentiert 10 amerikanische Angewohnheiten, die Briten niemals verstehen werden, doch zum Ausgleich erörtert sie auch 10 britische Angewohnheiten, die Amerikaner niemals verstehen werden. Eine kanadische Kolumnistin geht gegen kanadische Klischees vor, während eine australische Bloggerin verrät, wie man einen Aussie von einem Kiwi unterscheidet, allein durch Zuhören. Die englischen Sprachvarianten in Afrika und Asien wiederum sind ein ganz anderes Thema… Whose English is it, anyway?

Französisch wird von rund 115 Millionen Muttersprachlern in über 50 Ländern gesprochen und ist unter anderem Amtssprache in Frankreich, Kanada, der Schweiz, Belgien, Haiti und zahlreichen Ländern Afrikas, darunter Algerien, Elfenbeinküste, Gabun, Kamerun, Mali, Marokko und Tunesien. Noch eine Weltsprache mit vielen Varietäten: In Kanada etwa gibt es das Quebecer, das akadische und das neufundländische Französisch. Einige Institutionen haben sich die Standardisierung der französischen Sprache zur Aufgabe gemacht, darunter die Académie française in Frankreich, das Office québécois de la langue française in Kanada und der Service de la langue française in Belgien.

Auch die frankophone Welt bietet ein buntes Kaleidoskop an Kulturen und Klischees. Der von einem Franzosen produzierte Animationsfilm Cliché! illustriert mit humorvoller Selbstironie, wie die Franzosen im Ausland gesehen werden; das Video gibt es übrigens auch in englischer Version, natürlich mit französischem Akzent.

Die kanadische Regierung betreibt übrigens ein Zentrum für interkulturelles Lernen: Das beispielhafte Projekt liefert nützliche Hintergrund-Informationen zu vielen Ländern der Welt und beantwortet Fragen wie „Was muss ich über verbale und nonverbale Kommunikation wissen?“ nicht nur aus kanadischer Perspektive, sondern auch aus der Sichtweise der anderen Nationalität – Beispiel Deutschland.

Was wäre die Welt ohne Experten für internationale Kommunikation? Gut, dass es Übersetzer und Dolmetscher gibt.

Johannes Vermeer - The Astronomer - WGA24685

Luthers Sendbrief: Lust und Frust des Übersetzens

1522 legt Martin Luther, Doktor der Theologie, seine deutsche Übersetzung des Neuen Testaments vor. 1534 folgt die Übersetzung der Gesamtausgabe der Bibel, die er unter Verwendung griechischer, hebräischer und lateinischer Textausgaben mit mehreren Mitarbeitern angefertigt hat. Als Übersetzer tritt Luther erstmals in Erscheinung, als er in seinen deutschen Schriften auch die Bibelzitate verdeutscht. Ab 1517 übersetzt der berühmte Reformator auch umfangreichere Texte. 1521, während seines Wartburg-Exils, überträgt er das Neue Testament in nur elf Wochen ins Deutsche. Seine Übersetzung des Alten Testaments erscheint zwischen 1523 und 1534.

Nicht nur dank des aufkommenden Buchdrucks, sondern auch wegen ihrer sprachlichen Qualität werden Luthers Bibelübersetzungen in Deutschland schnell populär, denn sie können fast im gesamten hochdeutschen Sprachraum gelesen und verstanden werden. Doch vor allem bei katholischen Gelehrten fallen seine Übersetzungen in Ungnade. Sein Ansatz, anstelle der genauen Worte eher den Wortsinn wiederzugeben und infolgedessen freier zu übersetzen, stößt auf großes Unverständnis. Auch seine starke Orientierung an der mündlichen Volkssprache wird nicht gern gesehen.

Luther, der das Übersetzen mit großer Leidenschaft betreibt, ist darüber so erbost, dass er 1530 seinen Sendbrief vom Dolmetschen verfasst, um seinem Ärger in aller Deutlichkeit Luft zu machen. Dieses Traktat gilt als erste theoretische Abhandlung über die Prinzipien des Übersetzens. Luther spuckt darin zwar Gift und Galle, geht aber zugleich auch auf viele wichtige Aspekte des Übersetzens ein, insbesondere auf die Zweckgebundenheit, Verständlichkeit und Berücksichtigung der kulturellen und sprachlichen Bedürfnissen der Zielgruppe (Skopos). Die Schwierigkeiten beim Übersetzungsprozess und die oft langwierige Suche nach den richtigen Worten erwähnt er ebenso wie die spätere Reaktion mancher Leser, die sich entweder an der geschmeidigen Lektüre erfreuen und annehmen, dass die Übersetzung doch sicher ein Kinderspiel war, oder aber im Gegenteil deren Qualität bemängeln, weil sie über holprige Formulierungen stolpern.

Bis heute ist die Diskussion um zu wörtliches oder zu freies Übersetzen ein Dauerbrenner geblieben. Wie aktuell Luthers Ausführungen auch fast 500 Jahre später noch immer sind, zeigen die nachfolgenden Ausschnitte, die Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen“ in modernisierter Fassung entnommen sind:

„(…) denn dieweil der Verdolmetschung halben Alten und Neuen Testaments wegen viel Gerede sich zugetragen, daß nämlich die Feinde der Wahrheit vorgeben, als wäre der Text an vielen Orten geändert oder auch verfälschet, wodurch über viele (…) Entsetzen und Scheu gekommen, so ist wohl zu hoffen, daß aufs mindste zum Teil hiermit den Gottlosen ihr Lästern verhindert werde und den Frommen ihr Skrupel genommen werde, es vielleicht auch dahin kommt, daß mehr über diese Frage oder Materie geschrieben werde. (…)

(…) daß ich das Neue Testament verdeutscht habe nach meinem besten Vermögen und aufs gewissenhafteste (…) Es ist niemand verboten, ein bessers zu machen. Wer’s nicht lesen will, der lass es liegen; (…) Hab ich drinnen irgendwann geirrt (was mir doch nicht bewußt, auch wollt ich gewiss nicht mutwilliglich einen Buchstaben falsch verdolmetschen), darüber will ich die Papisten als Richter nicht dulden (…) Ich weiß wohl, und sie wissen’s weniger denn des Müllners Tier, was für Kunst, Fleiß, Vernunft, Verstand zum guten Dolmetschen gehöret, denn sie haben’s nicht versucht.

Es heißt: ‚Wer am Wege bauet, der hat viel Meister.‘ Also gehet mir’s auch. Diejenigen, die noch nie haben recht reden können, geschweige denn dolmetschen, die sind allzumal meine Meister, und ich muss ihrer aller Jünger sein. (…) Also ging es Sankt Hieronymo auch; da er die Biblia dolmetscht, da war alle Welt sein Meister, er allein war es, der nichts konnte (…)

Ich hab mich des beflissen im Dolmetschen, daß ich rein und klar Deutsch geben möchte. Und ist uns sehr oft begegnet, daß wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen haben ein einziges Wort gesucht und gefragt, haben’s dennoch zuweilen nicht gefunden. Im Hiob arbeiteten wir also, Magister Philips, Aurogallus und ich, daß wir in vier Tagen zuweilen kaum drei Zeilen konnten fertigen. Lieber – nun es verdeutscht und bereit ist, kann’s ein jeder lesen und meistern. Es läuft jetzt einer mit den Augen durch drei, vier Blätter und stößt nicht einmal an, wird aber nicht gewahr, welche Wacken und Klötze da gelegen sind, wo er jetzt drüber hingehet wie über ein gehobelt Brett, wo wir haben müssen schwitzen und uns ängsten, ehe denn wir solche Wacken und Klötze aus dem Wege räumeten, auf daß man könnte so fein dahergehen (…)

(…) denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.

So wenn Christus spricht: ‚Exabundantia cordis os loquitur.‘ Wenn ich den Eseln soll folgen, sie werden mir die Buchstaben vorlegen und so dolmetschen: Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund. Sage mir, ist das deutsch geredet? Welcher Deutsche verstehet solches? (…) Überfluss des Herzens ist kein Deutsch, so wenig als das Deutsch ist: Überfluss des Hauses, Überfluss des Kachelofens, Überfluss der Bank, sondern so redet die Mutter im Haus und der gemeine Mann: Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über. Das heißt gutes Deutsch geredet, des ich mich beflissen und leider nicht allwege erreicht noch getroffen habe, denn die lateinischen Buchstaben hindern über die Maßen sehr, gutes Deutsch zu reden.

Ebenso, wenn der Verräter Judas sagt, Matthäi 26: Ut quid perditio haec? und Marci 14: Ut quid perditio ista unguenti facta est? Folge ich den Eseln und Buchstabilisten, so muss ich’s so verdeutschen: Warum ist diese Verlierung der Salben geschehen? Was ist aber das für Deutsch? Welcher Deutsche redet so: Verlierung der Salben ist geschehen? (…) Nein, es ist schade um die Salbe – das ist gutes Deutsch, daraus man verstehet, daß Magdalene mit der verschütteten Salbe sei unzweckmäßig umgegangen und habe verschwendet; das war Judas‘ Meinung, denn er gedachte, einen besseren Zweck damit zu erfüllen.

Item, da der Engel Mariam grüßet und spricht: Gegrüßet seist du, Maria voll Gnaden, der Herr mit dir. Nun wohl, so ist’s bisher einfach dem lateinischen Buchstaben nach verdeutschet. Sage mir aber, ob solchs auch gutes Deutsch sei? Wo redet der deutsch Mann so: Du bist voll Gnaden? Und welcher Deutscher verstehet, was da heißt: voll Gnaden? Er muss denken an ein Fass voll Bier oder Beutel voll Geldes; darum hab ich’s verdeutscht: Du Holdselige, worunter ein Deutscher sich sehr viel eher vorstellen kann, was der Engel meinet mit seinem Gruß. Aber hier wollen die Papisten toll werden über mich, daß ich den engelischen Gruß verderbet habe, wie wohl ich dennoch damit nicht das beste Deutsch habe troffen. Und würde ich hier das beste Deutsch genommen haben und den Gruß so verdeutscht: Gott grüße dich, du liebe Maria (denn so viel will der Engel sagen, und so würde er geredet haben, wann er hätte wollen sie deutsch grüßen), ich glaube, sie würden sich wohl selbst erhängt haben vor übergroßem Eifer um die liebe Maria, daß ich den Gruß so zunichte gemacht hätte. (…) Ich will sagen: ‚du holdselige Maria, du liebe Maria‘, und lass sie sagen: ‚du voll Gnaden Maria‘. Wer Deutsch kann, der weiß, welch ein zu Herzen gehendes, fein Wort das ist: die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Kaiser, der liebe Fürst, der liebe Mann, das liebe Kind. Und ich weiß nicht, ob man das Wort ‚liebe‘ auch so herzlich und genugsam in lateinischer oder anderen Sprachen ausdrücken kann, das ebenso dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinne, wie es tut in unser Sprache. (…)

Und was soll ich viel und lange reden von Dolmetschen? Sollt‘ ich aller meiner Wort Ursachen und Gedanken anzeigen, ich müßte wohl ein Jahr dran zu schreiben haben. Was Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei, das hab ich wohl erfahren, darum will ich keinen Papstesel noch Maulesel, die nichts versucht haben, hierin als Richter oder Tadeler dulden. (…)

Das kann ich mit gutem Gewissen bezeugen, daß ich meine höchste Treue und Fleiß drinnen erzeigt und nie kein falsche Gedanken gehabt habe. (…) Doch hab ich wiederum nicht allzu frei die Buchstaben lassen fahren, sondern mit großer Sorgfalt samt meinen Gehilfen darauf gesehen, so daß, wo es etwa drauf ankam, da hab ich’s nach den Buchstaben behalten und bin nicht so frei davon abgewichen (…)

Ach, es ist Dolmetschen keineswegs eines jeglichen Kunst, wie die tollen Heiligen meinen; es gehöret dazu ein recht fromm, treu, fleißig, furchtsam, christlich gelehret, erfahren, geübet Herz. (…)

Das sei vom Dolmetschen und der Art der Sprachen gesagt. (…)“

Martin Luther by Lucas Cranach der Ältere

Apropos Qualität: Was ist eine gute Übersetzung?

Das Übersetzen gilt als das zweitälteste Gewerbe der Welt. Es ist eng mit der Entwicklung der Menschheit verknüpft und entstand zeitgleich mit der Herausbildung verschiedener Sprachen. Beim Übersetzen konnte es also von Anfang an nicht nur darum gehen, eine Ausgangssprache wortwörtlich in eine Zielsprache zu übertragen. Im Gegenteil: Es war schon immer wichtig, auch den kulturellen Hintergrund des jeweiligen Zielpublikums zu berücksichtigen.

Dieser „doppelte Anspruch“ war und ist das Kernproblem beim Übersetzen. Eine gute Übersetzung soll eine größtmögliche Übereinstimmung mit dem Original vorweisen und zugleich für die Zielleserschaft verständlich sein. Das Dilemma wurde schon oft diskutiert; einige interessante Äußerungen dazu finden sich auch in den Blog-Beiträgen Zitate über die Kunst des Übersetzens und Luthers Sendbrief: Lust und Frust des Übersetzens. Goethe, Lessing, Lichtenberg und Luther waren jedoch bestimmt nicht die ersten, die erkannten, dass eine zu wörtliche Übersetzung die Verständlichkeit für die Zielgruppe einschränken kann.

Bei Texten mit schlichter Satzstruktur und einfacher Bedeutungsebene mag eine wörtliche Übersetzung angebracht sein. Solche Sätze dürfte auch eine Übersetzungssoftware fehlerfrei meistern. Probieren Sie doch mal, mit dem Google Übersetzer den folgenden Satz ins Englisch und Französische zu übersetzen:

„Der Himmel ist blau.“

Die Ergebnisse der maschinellen Übersetzung werden Sie in diesem Fall vermutlich überzeugen. Mit zunehmender Komplexität in Bezug auf Satzstruktur und Bedeutung gerät die wörtliche Übersetzung jedoch an ihre Grenzen; Übersetzungsautomaten übrigens auch. Als erstes Beispiel mag das folgende Zitat von Goethe dienen (aus Maximen und Reflexionen, 1826):

„Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen, die uns eine halb verschleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen: Sie erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original.“

Falls Sie es auf den Versuch ankommen lassen möchten, dieses Zitat von Google ins Englische oder Französische übersetzen zu lassen: Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden? Sie können bei Interesse auch den folgenden Text eingeben und ins Deutsche übersetzen lassen:

„Translators can be considered as busy matchmakers who praise as extremely desirable a half-veiled beauty. They arouse an irresistible yearning for the original.“

Bei diesem Text handelt es sich übrigens um die kongeniale Übersetzung des Goethe-Zitats von Bailey Saunders aus dem Jahre 1906. Was halten Sie von der maschinellen Rückübersetzung ins Deutsche? Ist es nicht erstaunlich, dass Saunders seine Übersetzung vor über 100 Jahren ganz ohne Computer hingekriegt hat?

Auch bei weniger schöngeistigen Texten kommt es auf die Komplexität an – das trifft auf eine Gebrauchsanleitung ebenso zu wie auf einen Vertragstext oder einen Fachtext aus der Finanzwelt. Testen Sie den Google-Übersetzer gern ein weiteres Mal mit der Übersetzung der folgenden Passage ins Deutsche:

„In Q4 2008 and in Q2 2009, XYZ – Germany’s second-largest bank by assets – received financial support from the German government’s Financial Market Stabilization Fund (SoFFin) in the wake of the global financial market crisis. The bank received approx. EUR18.2bn in state support from the SoFFin. This amount comprised EUR16.4 billion of silent participations and a 25% plus 1 shareholding for approx. EUR1.8 billion, making the German state the bank’s largest shareholder. This transaction has also recently been awarded ‚Innovation of the Year‘ at The Banker’s Investment Banking Awards for 2011.“

Finden Sie, dass die maschinelle Übersetzung auch eine Auszeichnung verdient?

Diese und unzählige andere Beispiele beweisen, dass Übersetzen kein simples Handwerk, sondern eine anspruchsvolle kreative Tätigkeit ist – und zwar nicht nur, wenn es um Literatur geht; für sogenannte Fachübersetzungen gilt genau das gleiche. Nicht umsonst wird Übersetzen im Rahmen mehrjähriger Studiengängen an Hochschulen gelehrt, deren erfolgreicher Abschluss mit der Verleihung eines Diploms gewürdigt wird. Solche Qualifikationen können durchaus als Kriterium für Qualität und Professionalität gelten angesichts der Tatsache, dass die bloße Berufsbezeichnung „Übersetzer“ in vielen Ländern nicht geschützt ist. Dass sich auf dem Markt viele Quereinsteiger tummeln, die keine Experten sind, dafür aber gern Übersetzungen zu Dumpingpreisen anbieten, ist kein Geheimnis. Es ist wie mit billigen T-Shirts: Niedrige Preise bedeuten meist auch geringe Qualität.

Manche Sprachdienstleister teilen Übersetzungen in zwei Kategorien ein. In die erste stecken sie die sogenannte „einfache Übersetzung„, gern auch „Wort-für-Wort-Übersetzung“ genannt. Der zweiten ordnen sie die sogenannte „Kreativübersetzung“ zu, für die es noch diverse andere Bezeichnungen gibt, etwa Adaption, Lokalisierung, Transkreation (neudeutsch: Transcreation), Werbetext-Übersetzung, International Copywriting oder Creative Copy. Vor allem in der Werbebranche wird unter diesen Begriffen die Übersetzung eines Textes in eine andere Sprache unter Berücksichtigung der kulturellen und sprachlichen Bedingungen des Zielpublikums verstanden. Doch genau das zeichnet seit jeher das Wesen der qualitativ hochwertigen Übersetzung aus – sie war noch nie darauf beschränkt, wortwörtlich zu sein. Schon Luther hat dies 1530 in seinem berühmten Sendbrief vom Dolmetschen eindrucksvoll belegt.

Manchmal wird Übersetzern vorgeworfen, dass sie zu sehr am Wort kleben, in anderen Fällen wird beklagt, dass sie zu frei übersetzen. Übersetzer sehen sich immer wieder aufs Neue mit der Herausforderung konfrontiert, dem eingangs erwähnten „doppelten Anspruch“ gerecht zu werden. Nicht nur ist jeder Text anders, auch die Zielleserschaft unterscheidet sich von Projekt zu Projekt – ebenso wie die individuellen Erwartungen der Auftraggeber, die von ihnen vorab übermittelten Informationen (Briefing des Übersetzers) und die gewünschten Liefertermine. Nicht zuletzt der Zeitdruck hat einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität einer Übersetzung. Ein guter Übersetzer wird immer danach streben, das beste Ergebnis zu liefern, das unter Berücksichtigung aller Rahmenbedingungen möglich ist.

Dickensdream

Zitate zur Kunst des Übersetzens

Viele berühmte Schriftsteller haben die Weltliteratur maßgeblich geprägt, was nicht zuletzt durch die Übersetzung ihrer Werke in zahlreiche Sprachen möglich wurde. Weniger bekannt ist, dass so mancher von ihnen auch selbst als Übersetzer in Erscheinung trat und dabei über die besonderen Herausforderungen dieser Tätigkeit philosophierte:

„Beim Übersetzen muss man bis ans Unübersetzliche herangehen; alsdann wird man aber erst die fremde Nation und die fremde Sprache gewahr.“
(Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen, 1826)

„Ist es nicht sonderbar, dass eine wörtliche Übersetzung fast immer eine schlechte ist? Und doch lässt sich alles gut übersetzen. Man sieht hieraus, wie viel es sagen will, eine Sprache ganz verstehen; es heißt, das Volk ganz kennen, das sie spricht.“
(Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, 1800-1806)

„Wirklich übersetzen heißt: etwas, das in einer andern Sprache gesprochen ist, seiner Sprache anpassen.“
(Martin Luther, Tischreden, 1566)

„[…] man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.“
(Martin Luther, Sendbrief vom Dolmetschen, 1530)

„Aber wie viel leichter ist es, eine Schnurre zu übersetzen, als eine Empfindung! Das Lächerliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen; aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre eigene Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese verkennt, und sie dafür den Regeln der Grammatik unterwerfen, und ihr alle die kalte Vollständigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will, die wir an einem logischen Satze verlangen.“
(Gotthold Ephraim Lessing, Hamburgische Dramaturgie, 1767/69)

„Die Treue eines Übersetzers wird zur Untreue, wann er seine Urschrift dadurch verdunkelt.“
(Gotthold Ephraim Lessing, Rettungen des Horaz, 1754)

„Der Übersetzung Kunst, die höchste, dahin geht,
Zu übersetzen recht, was man nicht recht versteht.“

(Friedrich Rückert, Die Weisheit des Brahmanen, 1836)

„Und so ist jeder Übersetzer anzusehen, dass er sich als Vermittler dieses allgemein-geistigen Handels bemüht und den Wechseltausch zu befördern sich zum Geschäft macht. Denn was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr.“
(Johann Wolfgang von Goethe, Brief an Thomas Carlyle, 1827)

„Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen, die uns eine halb verschleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen: Sie erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original.“
(Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen, 1826)

Alexander Roslin 001